|
Seite 4 von 4
Sternblog, Stephan Bartels | 02. Mai 2007
http://www.stern.de
Der Journalist Stephan Bartels nahm im April 2007 an dem Fasten- Yogakurs
auf Rügen teil und berichtet im Sternblog (Kilo Killer) über seine
Fastenerfahrung.
Woche 44/45, 90,3 Kilo: Heute schon abgeführt?
Stephan Bartels | 02. Mai 2007 19:46 Uhr
Tagebuch eines Abnehmers, Teil 33: Hör auf zu essen, entleere den
Darm, öffne den Geist – die Fasten-Yoga-Woche des Kilo-Killers beginnt mit
Imperativen. Hier ist TEIL 1 seines Berichts.
Tag 0
Fasten, sagt Franz S. Moesl, entgiftet den Körper, reinigt ihn von innen,
kann euphorisch und glücklich machen und ist, grob zusammengefasst, überhaupt
super. Und Yoga, sagt Franz S. Moesl, soll Stress abbauen, den Weg zur eigenen Mitte
weisen, Blockaden lösen, psychische Probleme lösen und ist überhaupt auch
super. Ich sitze drei Meter von Franz S. Moesl entfernt auf einer Wolldecke, 29
andere Menschen um mich herum, und kann das beim besten Willen nicht
beurteilen. Ich habe weder das eine noch das andere jemals ausprobiert.
Trotzdem kann ich mir leichthin ausmalen, was die Kombination von Fasten und
Yoga bewirken müsste. Denn die gibt es tatsächlich. Hier. Dank Franz S. Moesl.
Der ist nämlich Yogalehrer und bietet nämlich Kurse an, in denen man seinen
Körper ertüchtigt und zeitgleich nichts isst. Zum Beispiel: Sechs Tage auf
Rügen, Kostenpunkt: 260 Euro für den Moesl Franz (220 für Frühbucher) plus 174
für die Unterkunft im „Haus Seeadler“, einer christlichen Begegnungsstätte in Sellin.
Das wiederum ist ein hübsches Seebad mit Hochufer, Wilhelminischer
Bäderarchitektur und einigen viel versprechenden gastronomischen Betrieben. So
sagt man jedenfalls, beurteilen kann ich auch das nicht. Schließlich bin ich
hier, um nichts zu essen. Weil ich neugierig darauf war, wie es mir bekommen
würde, wie mein zivilisationsmüllgefüllter Körper umgehen würde mit dieser
Extremsituation. Und Yoga kann ja per se nicht schaden, obwohl ich Sport ohne
Ball für prinzipiell fragwürdig halte.
„Wir duzen uns“, stellt der Franz S. (steht für Seraph) gleich zu Beginn
klar, mit hoher, weicher Stimme, die mit einem unüberhörbaren bayerischen Idiom
versetzt ist. Seine Stimme ist entspannt und entspannend, am Ende seiner Sätze
wiederholt er oft die letzten zwei Worte und zieht sie tonlos nach oben.
Interessant. Überhaupt, ein interessanter Typ: 45 Jahre alt, um die 1,75 Meter,
der Körper schmal, die Haare grau und raspelkurz, asketisch, er sieht aus wie
ein Bilderbuchmönch aus einem tibetanischen Kloster. Dabei kommt er aus Bayern,
aus Wiesloch, irgendwo auf dem platten Land zwischen Landshut und Rosenheim,
dort hat er mal Tischler gelernt. Nach dem Zivildienst hatte der Franz Zeit und
einen Freund in Thailand besucht, der in einem buddhistischen Kloster lebte. Er
blieb ein halbes Jahr. So ist er mit fremden Welten in Kontakt gekommen. Hat
Yoga gelernt, in Indien. Dann in einem tibetischen Kloster in Bayern gelebt. In
Berlin wohnt er seit 18 Jahren, hat dort eine Ausbildung in japanischer
Pantomime gemacht und gibt Yoga an der Volkshochschule. Aber seine
Fastenyoga-Kurse bietet er überall an in der Republik und darüber hinaus: Im
Allgäu, in Regensburg, auf Usedom, auf Teneriffa – na, und eben auf Rügen. Und
jetzt für mich. Wollen wir doch mal sehen, ob der Franz mich schadstofffrei
bekommt in der nächsten Woche.
Ich habe meine Hausaufgaben jedenfalls gemacht. Am Anreisetag
(„Entlastungstag“) habe ich morgens noch Müsli mit Joghurt, danach aber bloß
noch Obst und Gemüse zu mir genommen, vom Cappuccino an einer Tankstelle mal
abgesehen. Jetzt sitze ich in einer Gruppe von dreißig erwachsenen Menschen und
bekomme einen Ball zugerollt. Er kullert schon eine ganze Weile durch den Raum,
immer um eine Kerze herum, die in der Mitte in einer Schale voller Kieselsteine
brennt. Wer immer ihn aufnimmt, soll sich vorstellen und seine Erwartungen an
die nächste Woche formulieren. Das kenne ich aus meinem Pädagogikstudium. So
lerne ich Christine aus Berlin, Carmen aus Düsseldorf, Carsten aus der
Nordheide und Annette aus Rotterdam kennen, ich höre Sachen wie „Mitte finden“,
„in die Spur kommen“, „neuen Lebensabschnitt einleiten“ und ähnliches. Ich
stelle mich wahrheitsgemäß als Stephan aus Hamburg vor, nein, nie gefastet, nie
Yoga gemacht, ich murmele was von mal „mal gucken“ und rolle den Ball zu Ute
aus Bremen.
Später gibt Franz eine kurze Einführung in die Welt des Fastens und seiner
Wirkungen. Und fragt dann nach Abführungen: „Wer hat noch nicht seinen Darm
entleert?“ Ich weiß nicht so recht, ob ich mich melden soll, das ist doch eine eher
intime Frage. Andererseits: Ich wäre nicht in der Minderheit. Und die Frage
macht scheinbar Sinn: Nur ein leerer Darm verheißt kein Hungergefühl und
schützt vor Kopfschmerzen und Müdigkeit während des Fastens, sagt Franz. Also
stehe ich eine Stunde später nach der ersten Einheit Yoga in der Schlange vor
der Ausgabestelle des Glaubersalzes, was mich von innen her einmal umstülpen
soll. Es wirkt.
Tag 1
Das glaubt mir keiner zu Hause. Um 6.30 Uhr stehe ich im Yoga-Raum, recke meine
Arme in die Höhe und atme bewusst aus. „Morgenyoga mit Sonnengruß“ heißt diese
Veranstaltung, ich bin müde und durchfallgeschwächt, vielen Dank, Herr Glauber.
Ich habe ein flaues Gefühl im Magen, wenigstens noch keinen Hunger. Nach einer
Stunde Yoga allerdings fühle ich mich einigermaßen frisch, und der körperlichen
Mattheit folgt die geistige – mit der bangen Frage: Was wird nur in den
nächsten fünf Tagen? Bekomme ich das hin? Wie wird es mir gehen? Und was zum
Geier mache ich Idiot hier eigentlich?
Zum Frühstück um acht gibt es Kräutertee. Zum Mittag um 12, zum Kaffee um
fünf, zum Abendbrot um sieben auch. Ich nehme ihn normalerweise mit Süßstoff,
aber normal ist hier nicht. Also pur. Zwischen den verschiedenen Teereichungen
steht ein straffes Tagesprogramm, das uns am ersten Tag auf einem DinA 4-Zettel
dargereicht wird. Darauf steht:
6.30 Uhr: Morgenyoga mit Sonnengruß
8.00 Uhr: Tee
8.30 Uhr: Yoga
10.30 Uhr: Leberwickel
12.00 Uhr: Tee (ab Tag 2: Fastensuppe)
12.40 Uhr: Wanderung:
17.00 Uhr: Tee
17.30 Uhr: Yoga und Gespräche
19 Uhr: Tee
Die Wanderung am ersten Tag hat es in sich. Das Steilufer auf Rügen wellt
sich in tiefen Bögen, wir nehmen alle südlich von Sellin, stapfen dann
kilometerweit über den tiefen Strand und wieder zurück. Mein Magen rumort noch
ein wenig, ich bin auch nicht ganz sicher, ob das Bauchgefühl nicht doch was
mit Hunger zu tun hat. Oder wenigstens Appetit. Im Büro kommen sie gerade aus
der Kantine zurück. Ich gehe dafür ins Café auf der schicken Seebrücke und
bestelle einen Yogi-Tee. Ich sitze mit Blick auf das Kuchenbüffet, eine Frau am
Nebentisch deutet meinen Blick falsch (oder richtig?) und rät mit zu
Apfel-Käse, „dafür sind die berühmt hier“. Von der anderen Seite weht das Aroma
einer Tomatensuppe zu mir herüber. Ich muss weg.
Tag 2
Ich bin müde, auch nach acht Stunden Schlaf. Das Morgenyoga kann mich mal.
Ich fühle mich zerschlagen, habe ein Loch im Bauch. Hunger? Keine Ahnung,
eigentlich fühlt der sich anders an. Mein Körper ist kalt, mein Kopf glüht
dafür zum Ausgleich. Ich habe Essphantasien, vor allen Dingen miese – Torten
und Käse umkreisen mein Hirn. Auf meinem Zimmerboden liegt seit gestern der
Einlaufschlauch, soll bei der Komplettentleerung des Darm helfen, hat der Franz
gesagt und mir das Ding in die Hand gedrückt. Über mehr möchte ich nicht reden.
Um 12 Uhr gibt es erstmals Fastensuppe. Und die geht so: Gemüse wird
ungewürzt in einen Topf mit Wasser geworfen. Dann wird das Gemüse rausgenommen
und der Sud serviert. Es schmeckt widerlich, ein wenig nach Karotte, ein
bisschen nach Sellerie. Der Geruch bricht mich, trotzdem esse ich zwei Teller.
Aber das Wandern tut heute gut. Wir laufen durch den Wald zu einem sehr
schönen See, der mystisch versteckt im Gehölz liegt. Danach an die Steilküste,
die hier extrem steil und hoch ist, das Panorama ist atemberaubend. Acht
Kursteilnehmer gehen die Seilküste entlang weiter nach Binz, ich bin dabei. Was
für eine herrliche Gegend. Acht Kilometer sind es heute mindestens. Mir geht es
jetzt okay, viel besser als am Morgen. Gegen acht habe ich Tagträume von Jugendherbergsabendbrot,
von Graubrot, Bierschinken und Hagebuttentee, ich bin minutenlang fest davon
überzeugt, dass gleich eine Küchenhilfe im weißen Kittel den entsprechenden
Wagen hereinschiebt. Niemand kommt. Heute schlafe ich Abend um viertel nach
neun ein. Das ist mir zuletzt mit elf passiert, glaube ich.
Tag 3
6.00 Uhr: Frühwanderung am Strand. Viele der Teilnehmer werden hinterher
berichten, dies sei ihr Highlight gewesen. Ich weiß ja nicht. Wenigstens bin
ich nicht müde, der frische Frühwind bläst die Bettschwere aus meinen Knochen.
Wir laufen bis Baabe, meine Füße versinken im Sand – Strandspaziergänge sind
deutlich überbewertet. Um sieben machen wir Yoga am Wasser, neben vier
Fischern, die gerade ihren Fang der Nacht aus den Netzen klauben. Tagsüber
werde ich dann doch müde, aber ich habe keinen Hunger mehr. Ein bisschen flau
ist mir im Magen. Ich habe Probleme beim Yoga-Atmen, bin lustlos, irgendwie.
Aber eigentlich entbehre ich an diesem dritten Tag nicht viel. Ein wenig flau
ist mir noch. Andreas hat es da schlimmer erwischt, der fühlt sich gar nicht.
Oder Antje: Der geht es richtig mies, sie löffelt immer wieder aus dem Topf
Honig, der eigentlich zur Linderung akuter Kreislaufschwächen auf dem Tisch
steht.
Nach der Fastensuppe ruft mein Bruder an: Ich sei immer sein Vorbild
gewesen, deshalb hätte er sich gerade eine Dose Spargel gekauft, den Spargel
weggeworfen und das Wasser getrunken. Dann lacht er dreckig. „Nee, nur Spaß“,
sagt er dann, „in Wirklichkeit habe ich gerade eineinhalb Croques Madame gegessen.
Und du?“
Nachmittags ist frei, gewandert sind wir ja morgens. Ich spiele mit
Christian aus Franken Minigolf und gewinne mit sechs Schlägen Vorsprung. Ich
schätze, ich war einfach freier im Kopf. Mein erster Erfolg während des
Fastens.
18:30 Uhr, Abendyoga. Der Raum füllt sich. Ich kauere am Boden und schaue
herum. Sechs Männer und 23 Frauen liegen außer mir auf ihren Matten in diesem
großen, hellen, freundlichen Raum in gelb, orange und hellblau. Steffi aus
Brandenburg neben mir ist mit 30 die jüngste, ein paar sind um die 50, eine
Handvoll Rentner sind dabei, die meisten aber liegen um die 40 herum, so wie
ich. Mehr als die Hälfte hat schon mal gefastet, genauso viele sind
Yoga-erfahren, einige beides. Aber ich bin nicht der einzige Vollnovize.
Franz gibt den Takt vor. „Klopfe deine Beine aus“, sagt er, er sagt „du“ und
meint alle 30. So geht das immer los. Dann werden die Beine gestreckt, mit den
Füßen gewackelt, und ich merke schon, dass ich Defizite habe, meine Muskeln auf
der Rückseite sind verkürzt, klassisches Fußballerleiden. „Atme lang ein. Und
lang aus“. Danke, Franz. Tatsächlich liegt da mein Problem: Ich vergesse
unterwegs gern das Atmen, und regelmäßiges Füllen und Leeren der Lungenbläschen
erleichtern die Sache ungemein, soviel steht fest. Jetzt gehen wir in den
Vierfüßlerstand, strecken den rechten Arm und das linke Bein von uns und
spannen die Muskeln an. „Fühle dich in die Diagonale hinein“. Wie immer das
gehen soll. „Bleibe zwei lange Atemzüge in dieser Stellung, gehe dann in die andere
Diagonale.“
Als nächste Übung wird die Abfolge Blatt – Katze – Hund trainiert, ein Teil
des morgendlichen Sonnengrußes. Ich weiß nicht genau, was anstrengender ist:
die muskuläre Anspannung, das Behalten der Reihenfolge oder mich ständig daran
zu erinnern, das Atmen nicht zu vergessen.
Ich lerne im Folgenden, dass die Knochen im Hintern Sitzbeinhöcker heißen
und man tatsächlich drauf sitzen kann, allerdings schmerzt mir dann der Rücken.
Ich tue mich auch schwer damit, nach dem Darm nun meinen Geist zu entleeren,
mich nur auf meinen Atem zu konzentrieren und an nichts mehr zu denken. „Dein
Unterkiefer ist gelöst, deine Lippen weich und schwer“, sagt der Franz langsam
und monoton, „spüre deine Atmung, spüre, wie sich die Einatmung innerhalb
deines Körpers ausbreitet“. Nee, spüre ich nicht, ehrlich gesagt. „Zieh dich
nach vorn in die Länge, verlängere den Bauch, das Brustbein“. Das verstehe ich.
„Lass deine Gedanken gehen“. Würde ich gern. Denn vor allem um Essen kreisen an
diesem dritten Tag meine Gedanken, vorwiegend um fettiges, seltsam, davon nehme
ich in der Regel sehr wenig zu mir. Ich liege jetzt auf dem Rücken.
„Gib dein Gewicht in den Boden.“ Ich denke: Schnitzel mit Bratkartoffeln.
„Lass dich ausatmen“. - Rouladen mit Rotkohl und Klößen.
„Spüre deinem Gewicht nach.“ - Kartoffelsalat mit Würstchen und
mittelscharfem Senf.
„Atme lang aus“. - Tortellini in Spinat-Sahne-Sauce, dazu frisches
Oliven-Ciabatta.
„Spüre, wie sich mit jedem Ausatmen deine Bauchdecke senkt“.
Zweimal gebratenes Schweinefleisch süß-sauer. Pizza Funghi e Prosciutto.
Döner. Die belegten Baguettes an der Autobahnraststätte Fuchsberg auf der A20.
„Spüre dich in deinen Bauch.“
Tatsächlich. Jetzt spüre ich etwas, mitten in meinem Bauch.
Die große Leere.
Teil 2 folgt am Sonntag, den 6. Mai. Kommentare
(101) :: Permalink
Woche 46, 90,5 Kilo: Dosenöffner für die Seele
Stephan Bartels | 06. Mai 2007 13:25 Uhr
Tagebuch eines Abnehmers, Teil 34: Wird der Kilo-Killer die Fasterei
durchhalten? Wird sich die versprochene Euphorie einstellen? Wie ist Rügen
eigentlich so? Steht alles in TEIL 2 des Fasten-Yoga-Berichts.
Tag 4
Frühyoga um 6.30 Uhr. Ich muss das noch einmal hinschreiben, um es selbst zu
glauben. Mein Hungergefühl ist weg, ich habe deutlich mehr Energie, aber ein
bisschen Heimweh, obwohl Rügen tatsächlich sensationell ist. Und wir sind
beizeiten eine Attraktion in der spektakulären Kulisse Sellins: Vier Mal machen
wir nämlich Yoga am Ostseestrand. Schaulustige linsen von der Seebrücke herüber,
Jugendliche auf der Promenade gröhlen etwas. Wir können es nicht verstehen. Wir
ruhen nämlich in uns selbst. So.
Bei der Mittagssuppe fragen mich einige Frauen, ob ich eigentlich immer so
mürrisch dreinschauen würde, sie hoffen für mich ja allmählich mal auf den
Energieschub und die Euphorie, die das Fasten freisetzt. Das haben wir
gemeinsam.
Der Nachmittag ist frei. Jetzt schlägt die Müdigkeit durch. Während die
anderen über die Insel ziehen, bleibe ich auf meinem Zimmer und lerne liegen.
Ich bekomme leicht schlechte Laune. Das Abendyoga lasse ich ausfallen. Zwei
Stunden am Tag reichen ja wohl dicke. Obwohl der Franz tatsächlich ein
beeindruckendes Gespür dafür hat, wie die Befindlichkeiten in der Gruppe
aussehen – ist die Meute kaputt, wird entspannt, wenn mehr drin ist, werden
Muskelgruppen und Koordination deutlich mehr gefordert. Danach gibt der Franz
Tipps für die Aufbautage. Das ist ernüchternd: Mein wirkliches Leben muss auch
übermorgen noch ein paar Tage auf mich warten, wie es scheint. Gedünstetes
Gemüse, schwach gewürzte Suppen, Rohkost… Das erscheint mir öder als Fasten,
irgendwie. Vielleicht sollte ich es vorläufig beim Trinken belassen, vier Liter
Wasser am Tag trinke ich mittlerweile ohne jede Anstrengung.
Tag 5
Manchmal schlägt man die Augen auf und weiß, dass alles gut wird. Heute ist
so ein Tag. Durch einen Spalt im Vorhang sehe ich blauen Himmel in mein Zimmer
fallen, ein Gemisch aus Vogelgesang und dem Rasensprengerrauschen füllt meine
Ohren. 7.30 Uhr, ich fühle in meinem Christlichebegegnungsstättenbett nach
meinem leeren Bauch. Seit zwei Tagen grummelt da nichts mehr, er ist flacher
geworden, spürbar. Meine Beckenknochen stehen deutlich hervor. Ich mache die
Augen wieder zu und atme tief ein. Ich bin richtig fit, das merke ich. Vielleicht,
weil ich das Frühyoga einfach ausfallen lasse, ich finde, der Tee um Acht ist
heute früher Vogel genug. Das Yoga danach fällt mir leicht, es ist, als hätte
sich ein Schalter umgelegt – die Bewegungen sind jetzt fließend und nicht mehr
abgehackt, ich atme tief und gleichmäßig. Dass in meinem Schädel immer noch
Gedanken Pogo tanzen, kann ich nicht verhindern. Aber ich bin viel ruhiger
geworden. Das ist gut.
Mittags, sagt der Franz, wird gewandert, in den Zicker Bergen, ungefähr
zwölf Kilometer von unserer Herberge entfernt. Ich bin voller Bewegungsdrang
und überrede Andreas, einen Taxiunternehmer aus der Nähe von Frankfurt, mit dem
Fahrrad dorthin zu fahren, während die anderen mit dem Auto anreisen.
Die Wanderung selbst ist mein Highlight. Was für eine unglaubliche
Landschaft! Die grünen Hügel, das allgegenwärtige Meer, Steilküsten und
Kiefernwälder… Unglaublich, fast wie Irland. Meine Drogenerfahrungen sind eher
rudimentär, aber so muss es sich anfühlen, wenn man sein Bewusstsein erweitert,
wenn man die Dinge intensiver als sonst wahrnimmt, das Licht, den Wind, die
Farben, die Gerüche. Mehr als vier Stunden ziehen wir über die Halbinsel, und
das mir, der nicht mal gern spazieren geht. Danach setzen wir uns in ein
Fisch-Restaurant. Die Bedienung wittert Umsatz, wird aber enttäuscht: Bloß
Wasser wird geordert, vereinzelt Apfelschorle – die sei jetzt erlaubt,
jedenfalls für jene, die das nötig haben, sagt Franz und löffelt munter seine
Kartoffelsuppe mit Lachs, „für alle, die sich gut fühlen, gibt es eigentlich
keinen Grund dazu. Der Effekt ist ohne besser“. Ich entscheide mich für den
Effekt.
Am Abend lassen wir das Yoga ausfallen. Es gibt bloß eine Abschlussrunde.
Wieder rollt der Ball von einem zum anderen. Ich sage, dass es mir gut geht.
Ich spüre den Worten nach. Tatsächlich: Es geht mir gut.
Tag 6
Zwei Schalen stehen in der Mitte des Raumes, Äpfel sind darin. Gleich werde
ich in einen davon beißen, meine erste Nahrung seit fast einer Woche. Ich habe
kein Verlangen danach. Ich könnte noch weiter fasten, das weiß ich jetzt, es
würde mir nicht viel ausmachen. Aber auf der anderen Seite habe ich gemerkt,
dass ich auch wahnsinnig gern esse. Und jeder weitere Fastentag verschiebt die
zwei bis drei kulinarisch öden Aufbautage nach hinten. Also werde ich gleich
Fastenbrechen, so heißt das unter uns Fastern. Aber davor hat der Franz die
Reflektion gesetzt.
Wir liegen auf unseren Decken und Matten, ein letztes Mal. Unser Yogameister
spricht darüber, das Yoga zu der „inneren Kraft verhelfen kann, dein Leben selbst
zu bestimmen“, und das tut Not, denn: „Das Leben ist schnell vorbei – nütze die
Zeit und genieße es“. Durch das Fasten erweitere sich der Horizont,
Kreativitätsblockaden würden aufgelöst, „Moses hat fastend die zehn Gebote
empfangen“. Wir sollten die Chance nutzen, die uns die Zeit nach dem Fasten
jetzt bietet. Die Chance, Muster zu durchbrechen – auch, wenn wir abnehmen
wollen. „Abnehmen ist reine Kopfsache“, sagt Franz, „wenn du anfängst, mit dir
selbst zu diskutieren, hast du schon verloren“. Den ersten Schritt hätten wir
mit dem Fasten gemacht, aber Vorsicht: „Jojo passiert, wenn du so stur und
verfestigt bist, dass du nichts Neues mehr zulässt.“
Unsere Augen sind geschlossen, wir atmen tief und gleichmäßig. „Denke zurück
an die vergangenen fünf Tage“, sagt Franz Seraph Moesl. Na gut.
Da sind schon einige verblüffende Erkenntnisse in mein Leben getreten, denke
ich. Dass man wirklich ohne Essen auskommen kann, so lange. Dass das nicht mal
schlimm ist, sondern sogar gut tun kann, zumindest nach ein paar Tagen Anlauf.
Das mich Yoga tatsächlich gelenkiger, geschmeidiger, fitter macht. Dass Fasten
ohne Bewegung wahrscheinlich viel mühseliger gewesen wäre. Und wie viel Zeit
bloß immer für Essen draufgeht im Alltag! Da ist die Beschaffung der Mahlzeit,
das Zubereiten, das Essen, das Verdauen, der Abwasch – das Leben ist so
unendlich viel leichter und entspannter, wenn all diese zeitraubenden
Tagesordnungspunkte einfach unter den Tisch fallen. Noch etwas habe ich
gelernt: Wahrscheinlich wird nicht mal auf der Jahrestagung des Bundes
deutscher Hotelköche soviel über Essen und Rezepte geredet wie beim
Gruppenfasten.
Ich höre Franz. Ich soll mir vergegenwärtigen, was ich aus der Fastenzeit in
mein Leben übernehmen will. Welche Menschen ich bewundere. Wer mir am nächsten
steht. Ehrlich gesagt: Da hat sich in den vergangenen fünf Tagen nicht viel
verändert. Ich schätze zwar mittlerweile die körperlichen Segnungen des Yoga
und habe es geschafft, mittels Atmung meinen Brustkorb zu öffnen, aber mein
Geist hat sich nicht so richtig aufgetan. Den Dosenöffner für meine Seele, der
mir hilft, mein Leben zu ändern, habe ich nicht gefunden. Letztendlich habe ich
doch nur eine kleine vernagelte mitteleuropäische Seele. Ich musste lachen, als
wir uns gemeinsam mit der Kaphalabati-Atmung stoßweise unseren Schnodder aus
der Nase geblasen haben. Ich bin innerlich zusammengebrochen, als wir eine
Stunde in extatischer Kundalini-Meditation verbracht haben: wirr zuckende,
exaltiert durch den Raum tanzende Menschen im Rausch.
Man muss nicht alles verstehen. Ich schon gar nicht. Ich habe gefastet, fünf
Tage. Ich habe Yoga gemacht. Ich habe dabei beinahe fünf Kilo abgenommen (und
eineinhalb inzwischen wieder draufgeschafft) und bin in eine Welt eingetaucht,
die vorher so fremd für mich war wie die mittlere Antarktis. Ob ich es noch
einmal tun würde? Ja. Nein. Vielleicht.
Erstmal beiße ich in einen Apfel. „Möge dieser Apfel dein Herz erreichen“,
sagt Franz, „damit du deinen Weg im Leben findest“. In meinem Magen ist er
schon mal. Ein neuer Anfang.
P.S.: Meine erste Amtshandlung zu Hause war der Gang auf die Waage. 89,1
Kilo ohne Klamotten und Mageninhalt. Mein Gesicht sei schmal, fast spitz
geworden, sagen meine Kollegen. Meine Frau sagt, dass jetzt langsam mal gut
sei, „noch zwei Kilo am Bauch, aber mehr nicht, verstanden?“ Eine Woche bin ich
jetzt daheim vom Fasten, etwas mehr als ein Kilo ist wieder drauf. Mehr als
drei noch nicht. Wie das weitergeht? Ich habe nicht die geringste Ahnung. Die
Sache bleibt spannend.
<< Anfang < Vorherige 1 2 3 4 Nächste > Ende >> |