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Gesund und Fit
Selbstversuch Fasten-Yoga
Er hatte noch nie gefastet. Yoga
kannte er nur vom Hörensagen. Bis sich BRIGITTE BALANCE-Autor
Stephan Bartels für eine Woche Fasten-Yoga anmeldete - und
anfing, von Schnitzeln zu träumen.
Tag 0: Fasten ist super -
sagt Franz S. Moesl
Fasten, sagt Franz S. Moesl, entgiftet
den Körper, reinigt ihn von innen, kann euphorisch und glücklich
machen und ist, grob zusammengefasst, überhaupt super. Und Yoga,
sagt Franz S. Moesl, soll Stress abbauen, den Weg zur eigenen Mitte
weisen, psychische Probleme lösen und ist überhaupt auch
super. Ich sitze drei Meter von Franz S. Moesl entfernt auf einer
Wolldecke, 29 andere Menschen um mich herum, und kann das beim besten
Willen nicht beurteilen. Ich habe weder das eine noch das andere
jemals ausprobiert. Aber ich werde herausfinden, was die Kombination
von Fasten und Yoga bewirkt. Hier. Dank Franz S. Moesl.
Der
ist nämlich Yoga-Lehrer und bietet Kurse an, in denen man seinen
Körper ertüchtigt und zeitgleich nichts isst. Ich bin
neugierig, wie mein zivilisationsmüllgefüllter Körper
umgehen würde mit dieser Extremsituation. "Wir duzen uns",
stellt der Franz gleich zu Beginn klar. 45 ist er, um die 1,75 Meter
groß, der Körper schmal, die Haare grau und raspelkurz,
asketisch, er sieht aus wie ein Bilderbuchmönch aus einem
tibetischen Kloster. Dabei kommt er aus Wiesbach, irgendwo auf dem
platten Land zwischen Landshut und Rosenheim. Yoga hat man ihm in
Thailand und Indien beigebracht. Wollen wir doch mal sehen, ob dieser
Mann mich schadstofffrei bekommt in der nächsten Woche.
Ich habe meine Hausaufgaben jedenfalls
gemacht. Am Anreisetag ("Entlastungstag") habe ich morgens
noch Müsli mit Joghurt, danach aber bloß noch Obst und
Gemüse zu mir genommen, vom Cappuccino an einer Tankstelle mal
abgesehen. Jetzt sitze ich in einer Gruppe von dreißig
erwachsenen Menschen und bekomme einen Ball zugerollt. Er kullert
schon eine ganze Weile durch den Raum, immer um eine Kerze herum, die
in der Mitte in einer Schale voller Kieselsteine brennt. Wer immer
ihn aufnimmt, soll sich vorstellen und seine Erwartungen an die
nächste Woche formulieren. So lerne ich Christine aus Berlin,
Carmen aus Düsseldorf, Carsten aus der Nordheide und Annette aus
Rotterdam kennen und höre Sachen wie "Mitte finden",
"in die Spur kommen", oder "neuen Lebensabschnitt
einleiten".
Ich selbst murmele schließlich
was von "mal sehen" und »überraschen lassen«
und rolle den Ball zu Ute aus Bremen.
Später gibt Franz
eine kurze Einführung in die Welt des Fastens und seiner
Wirkungen. Und fragt dann: "Wer hat noch nicht seinen Darm
entleert?" Ich weiß nicht so recht, das ist doch eine eher
intime Frage. Aber die macht scheinbar Sinn: Nur ein leerer Darm
verheißt kein Hungergefühl und schützt vor
Kopfschmerzen und Müdigkeit während des Fastens. Also stehe
ich eine Stunde später nach der ersten Einheit Yoga in der
Schlange vor der Ausgabestelle des Glaubersalzes, was mich von innen
her einmal umstülpen soll. Es wirkt.
Tag 1:
Yoga um 6.30 Uhr
Das glaubt mir
keiner zu Hause. Um 6.30 Uhr stehe ich im Yoga-Raum, recke meine Arme
in die Höhe und atme bewusst aus. "Morgen-Yoga mit
Sonnengruß" heißt diese Veranstaltung, ich bin müde
und durchfallgeschwächt, vielen Dank, Herr Glauber. Nach einer
Stunde Yoga allerdings fühle ich mich einigermaßen frisch,
und der körperlichen Mattheit folgt die geistige mit der bangen
Frage: Was wird nur in den nächsten fünf Tagen? Bekomme ich
das hin? Zum Frühstück um acht gibt es Kräutertee. Zum
Mittag um zwölf, zum Kaffee um fünf, zum Abendbrot um
sieben auch. Ich nehme ihn normalerweise mit Süßstoff,
aber "normal" ist hier nicht. Also pur. Zwischen den
verschiedenen Teereichungen steht ein straffes Tagesprogramm, dreimal
täglich Yoga, am Nachmittag eine Wanderung.
Die am
ersten Tag hat es in sich. Das Steilufer auf Rügen wellt
sich in tiefen Bögen, wir nehmen alle südlich von Sellin,
stapfen dann kilometerweit über den tiefen Strand und wieder
zurück. Mein Magen rumort noch ein wenig. Im Büro kommen
sie gerade aus der Kantine zurück. Ich gehe dafür ins Café
auf der schicken Seebrücke und bestelle einen Yogi-Tee. Ich
sitze mit Blick auf das Kuchenbuffet, eine Frau am Nebentisch deutet
meinen Blick falsch (oder richtig?) und rät mir zu Apfel-Käse,
"dafür sind die berühmt hier". Von der anderen
Seite weht das Aroma einer Tomatensuppe zu mir herüber. Ich muss
weg.
Tag 2:
Fastensuppe und Träume von Torten
Ich bin müde.
Das Morgen-Yoga kann mich mal. Ich fühle mich zerschlagen, habe
ein Loch im Bauch. Mein Körper ist kalt, mein Kopf glüht
dafür zum Ausgleich. Essfantasien, vorrangig von Torten und
Käse, umkreisen mein Hirn. Um 12 Uhr gibt es erstmals
Fastensuppe. Und die geht so: Gemüse wird ungewürzt in
einen Topf mit Wasser geworfen. Dann wird das Grünzeug
rausgenommen und der Sud serviert. Es schmeckt widerlich, ein wenig
nach Karotte, ein bisschen nach Sellerie. Der Geruch lässt mich
würgen, trotzdem esse ich zwei Teller.
Aber das
Wandern tut heute gut. Wir laufen durch den Wald zu einem sehr
schönen See, der mystisch versteckt im Gehölz liegt. Danach
an die Steilküste, das Panorama ist atemberaubend. Acht
Kursteilnehmer gehen die Steilküste entlang weiter nach Binz,
ich bin dabei. Acht Kilometer sind es heute mindestens. Mir geht es
jetzt besser als am Morgen. Gegen acht am Abend habe ich Tagträume
von Jugendherbergsabendbrot, von Graubrot, Bierschinken und
Hagebuttentee, ich bin minutenlang fest davon überzeugt, dass
gleich eine Küchenhilfe im weißen Kittel den
entsprechenden Wagen hereinschiebt. Niemand kommt. Heute schlafe ich
abends um viertel nach neun ein. Das ist mir zuletzt mit elf
passiert, glaube ich.
Tag 3:
Schadenfrohe Anrufe
6.00 Uhr:
Frühwanderung am Strand. Viele der Teilnehmer werden
hinterher berichten, dies sei ihr Highlight gewesen. Ich finde,
Strandspaziergänge sind deutlich überbewertet. Um sieben
machen wir Yoga am Wasser, neben vier Fischern, die gerade schweigend
ihren Fang der Nacht aus den Netzen klauben und uns keines Blickes
würdigen.
Nach der Fastensuppe ruft mein Bruder an: Ich
sei immer sein Vorbild gewesen, deshalb hätte er sich gerade
eine Dose Spargel gekauft, den Spargel weggeworfen und das Wasser
getrunken. Dann lacht er dreckig. "Nee, nur Spaß",
sagt er dann, "in Wirklichkeit habe ich gerade eineinhalb Croque
Madames gegessen. Und du?"
18.30 Uhr: Abend-Yoga.
Franz gibt den Takt vor. "Klopfe deine Beine aus",
sagt er. So geht das immer los. Dann werden die Beine gestreckt, wird
mit den Füßen gewackelt. Meine Fußballerbeine
knacken. "Atme lange ein. Und lange aus." Dann gehen wir in
den Vierfüßlerstand, strecken den rechten Arm und das
linke Bein von uns, "fühle dich in die Diagonale hinein".
Wir üben die Abfolge Blatt Katze Hund. Ich tue mich schwer
damit, nach dem Darm nun meinen Geist zu entleeren, mich nur auf
meinen Atem zu konzentrieren und an nichts mehr zu denken. "Lass
deine Gedanken gehen", sagt der Franz mit monotoner Stimme.
Würde ich gern. Denn vor allem um Essen kreisen an diesem
dritten Tag meine Gedanken. Ich liege jetzt auf dem Rücken.
"Gib
dein Gewicht in den Boden." Ich denke: Schnitzel mit
Bratkartoffeln.
"Lass dich ausatmen." Rouladen mit
Rotkohl und Klößen.
"Spüre deinem Gewicht
nach." Kartoffelsalat mit Würstchen und mittelscharfem
Senf.
"Atme lange aus." Tortellini in
Spinat-Sahne-Sauce, dazu frisches Oliven-Ciabatta.
"Spüre,
wie sich mit jedem Ausatmen deine Bauchdecke senkt." Zweimal
gebratenes Schweinefleisch süß-sauer. Pizza Funghi e
Prosciutto. Döner. Die belegten Baguettes an der
Autobahnraststätte Fuchsberg auf der A20.
"Spüre
dich in deinen Bauch." Tatsächlich. Jetzt spüre ich
etwas, mitten in meinem Bauch. Die große Leere.
Tag 4:
Attraktion für grölende Jugendliche
Früh-Yoga um
6.30 Uhr: Mein Hungergefühl ist weg, ich habe deutlich mehr
Energie, aber ein bisschen Heimweh, obwohl Rügen tatsächlich
sensationell ist. Und wir sind beizeiten eine Attraktion in der
spektakulären Kulisse Sellins: Viermal machen wir nämlich
Yoga am Ostseestrand. Schaulustige linsen von der Seebrücke
herüber, Jugendliche auf der Promenade grölen etwas. Wir
können es nicht verstehen. Wir ruhen nämlich in uns selbst.
Abends gibt
der Franz Tipps für die Aufbautage. Das ist ernüchternd:
Mein wirkliches Leben muss auch übermorgen noch ein paar Tage
auf mich warten, wie es scheint. Gedünstetes Gemüse,
schwach gewürzte Suppen, Rohkost Zusätzlich zu den vier
Litern Wasser, die ich mittlerweile ohne jede Anstrengung am Tag
trinke.
Tag 5: Alles
wird gut
Manchmal schlägt man die Augen auf und weiß, dass alles
gut wird. Heute ist so ein Tag. Ich fühle nach meinem leeren
Bauch. Seit zwei Tagen grummelt da nichts mehr, er ist flacher
geworden, spürbar. Ich bin richtig fit, das merke ich. Das Yoga
danach fällt heute leicht, es ist, als hätte sich ein
Schalter umgelegt die Bewegungen sind jetzt fließend und nicht
mehr abgehackt, ich atme tief und gleichmäßig. Mittags,
sagt der Franz, wird gewandert, in den Zicker Bergen, ungefähr
zwölf Kilometer von unserer Herberge entfernt. Ich bin voller
Bewegungsdrang und überrede Andreas, einen Taxiunternehmer aus
der Nähe von Frankfurt, mit dem Fahrrad dorthin zu fahren,
während die anderen mit dem Auto anreisen. Die Wanderung selbst
ist mein Highlight. Welch eine unglaubliche Landschaft!
Meine
Drogenerfahrungen sind eher rudimentär, aber so muss es sich
anfühlen, wenn man sein Bewusstsein erweitert, wenn man die
Dinge intensiver als sonst wahrnimmt, das Licht, den Wind, die
Farben, die Gerüche.
Am Abend lassen wir das Yoga
ausfallen. Es gibt bloß eine Abschlussrunde. Wieder rollt der
Ball von einem zum anderen. Ich sage, dass es mir gut geht. Ich spüre
den Worten nach. Tatsächlich: Es geht mir gut.
Tag 5: Alles
wird gut
Manchmal schlägt
man die Augen auf und weiß, dass alles gut wird. Heute ist so
ein Tag. Ich fühle nach meinem leeren Bauch. Seit zwei Tagen
grummelt da nichts mehr, er ist flacher geworden, spürbar. Ich
bin richtig fit, das merke ich. Das Yoga danach fällt heute
leicht, es ist, als hätte sich ein Schalter umgelegt die
Bewegungen sind jetzt fließend und nicht mehr abgehackt, ich
atme tief und gleichmäßig. Mittags, sagt der Franz, wird
gewandert, in den Zicker Bergen, ungefähr zwölf Kilometer
von unserer Herberge entfernt. Ich bin voller Bewegungsdrang und
überrede Andreas, einen Taxiunternehmer aus der Nähe von
Frankfurt, mit dem Fahrrad dorthin zu fahren, während die
anderen mit dem Auto anreisen. Die Wanderung selbst ist mein
Highlight. Welch eine unglaubliche Landschaft!
Meine
Drogenerfahrungen sind eher rudimentär, aber so muss es sich
anfühlen, wenn man sein Bewusstsein erweitert, wenn man die
Dinge intensiver als sonst wahrnimmt, das Licht, den Wind, die
Farben, die Gerüche.
Am Abend lassen wir das Yoga
ausfallen. Es gibt bloß eine Abschlussrunde. Wieder rollt der
Ball von einem zum anderen. Ich sage, dass es mir gut geht. Ich spüre
den Worten nach. Tatsächlich: Es geht mir gut.
Tag 6: Der
Geist hat sich nicht aufgetan
Zwei Schalen stehen in der Mitte des Raumes, Äpfel sind darin.
Gleich werde ich in einen davon beißen, meine erste Nahrung
seit fast einer Woche. Ich habe kein Verlangen danach. Ich könnte
noch weiter fasten. Aber auf der anderen Seite habe ich gemerkt, dass
ich auch wahnsinnig gern esse. Und jeder weitere Fastentag verschiebt
die zwei bis drei kulinarisch öden Aufbautage nach hinten. Also
werde ich gleich das Fasten brechen. Aber davor hat der Franz die
Reflexion gesetzt.
Wir liegen
auf unseren Matten, ein letztes Mal. Unser Yoga-Meister spricht
darüber, dass Yoga zu der "inneren Kraft verhelfen kann,
dein Leben selbst zu bestimmen", und das tut not, denn: "Das
Leben ist schnell vorbei nutze die Zeit, und genieße es."
Durch das Fasten erweitere sich der Horizont, Kreativitätsblockaden
würden aufgelöst. Wir sollten die Chance nutzen, die uns
die Zeit nach dem Fasten jetzt bietet. Die Chance, Muster zu
durchbrechen. Unsere Augen sind geschlossen, wir atmen tief und
gleichmäßig. Und reflektieren.
Verblüfft
hat mich, dass man wirklich ohne Essen auskommen kann, so lange.
Dass es sogar guttun kann, zumindest nach ein paar Tagen Anlauf. Dass
mich Yoga gelenkiger, geschmeidiger, fitter macht. Und wie viel Zeit
bloß immer fürs Essen draufgeht im Alltag! Das Leben ist
so unendlich viel leichter und entspannter, wenn all diese Zeit
raubenden Tagesordnungspunkte einfach unter den Tisch fallen. Noch
etwas habe ich gelernt:
Wahrscheinlich wird nicht mal auf der
Jahrestagung des Bundes deutscher Hotelköche so viel über
Essen und Rezepte geredet wie beim Gruppenfasten. Aber mein Geist hat
sich nicht aufgetan. Letztendlich habe ich doch nur ein kleines
vernageltes mitteleuropäisches Gemüt.
Man muss
nicht alles verstehen. Ich schon gar nicht. Ich habe gefastet,
ich habe Yoga gemacht. Ich habe dabei fünf Kilo abgenommen und
bin in eine Welt eingetaucht, die vorher so fremd für mich war
wie die mittlere Antarktis. Ob ich es noch einmal tun würde?
Keine Ahnung. Erst mal beiße ich in einen Apfel. "Möge
dieser Apfel dein Herz erreichen", sagt Franz, "damit du
deinen Weg im Leben findest."
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